Geschichte des ASV 1954-1974 

I. Vor- und Frühgeschichte (1954 - 1958)

Schon in prähistorischer Zeit, zwischen den Weltkriegen, gab es in Hamburg einen ASV, wie an anderen Universitäten als Verbindung organisiert (also "Lebensbund" ohne Mädchen). Dies Prinzip scheint aber in Hamburg nicht recht zu gedeihn. Jedenfalls wurde dieser ASV am 7.1.1936 vom letzten Vorsitzenden Göbelhoff aufgelöst.

Die schriftliche Überlieferung über den jetzigen ASV setzt dann in der Frühzeit der Bundesrepublik ein, zwischen Freß- und Reisewelle, etwa zur Zeit des klassischen Nierenstils. Beim IfL der Universität segelnde Studenten hatten bei einer Regatta in Kiel den dortigen ASV kennen und schätzen gelernt und wollten Ähnliches in Hamburg gründen. So wurden am 21. September 1954 eine Dame (Marlies Goerisch) und sieben Herren (Dirksen, Malinowski, Kapischke, Uterhark, Kaldewey, Schütte und Wilhelm Kopp) zu Gründervätern des ASV.

Der ASV Kiel war eine Verbindung. Und so stand die Frage nach dem Verbindungsprinzip wieder am Anfang, weil man nur dann dem Dachverband der ASV's hätte beitreten können. Dank der einen Gründermutter (und der Tatsache, daß einige Gründerväter verheiratet waren) trat man lieber dem DSV bei und ließ auch Studentinnen segeln (Der Chronist merkt an: "Gottlob"). Als das Problem 1957 erneut diskutiert wurde, begrub man es schon in einem Ausschuß, ohne noch die MV zu befragen.

Allein drei Gründerväter waren Marineoffiziere a.D., und diese Spezies ist bis heute im Verein nicht ausgestorben. Einer von diesen, Wilhelm Kopp, führte den Verein als 1. Vorsitzender von 1954 bis 1958 durch die Fährnisse seiner Frühgeschichte. Da traf es sich gut, daß auch das IfL damals fest in der Hand von Ex-Marinern war. So arbeitete der neue Verein eng mit dem IfL zusammen, segelte (und pflegte) dessen Boote (die, dem Ex-Kolonialinstitut angemessen, "Togo", "Kamerun" oder "Rabaul" hießen), organisierte Regatten und stellte Sportreferenten im AStA. 1955 zählte man 25 Mitglieder, 1957 deren 56. Zur Saison 1956 erwarb man erstmals ein eigenes Schiff, den Piraten "Pagensand", dem schon am Ende der Saison der kleine 'Jollenkreuzer' "Rolling Home" - seiner Form wegen auch 'Flunder' genannt - folgte. Seither zeigt der ASV Flagge auf Alster und Elbe. Daß der AStA zur Saison '57 dem ASV als Dauerleihgabe den Piraten "Krautsand" kaufte, zeigt die enge Beziehung zur uni, aber auch den historischen Abstand von heutigen ASten.

Man seglete vom Langenzug, dem heutigen Bootshaus der Universität, das damals Daniel Reich sen. gehörte. Dort war man unter sich, und dies hat dem Vernehmen nach den Segelbetrieb und das Zusammengehörigkeitsgefühl sehr verstärkt. Alte Mitglieder bekommen leuchtende Augen, wenn sie aus dieser Zeit von Regatten um "Daniel Reich sien"-Pokal berichten.

Offenbar bedurfte es aber in diesen archaischen Zeiten einer starken Vorstandshand. So vermerkte ein MV-Protokoll von 1957: 9 Mitglieder traten aus, 10 wurden ausgeschlossen. Dies scheint jedoch die Ehrfurcht vor den Oberen nicht gestärkt zu haben. Ein Schiedsgerichtsprotokoll von 1957 berichtet von einem Mitglied, es habe am Bootssteg in Anwesenheit des 1. Vorsitzenden die aushängende Bootsordnung (die gab es schon, bevor es ASV-Boote gab) "mit beleidiegenden Äußerungen gegen den 1. Vorsitzenden beschmiert". Wäre das heute denkbar?

In diesen ersten Jahren tauchen in den Akten auch noch heute bekannte und geschätzte Namen auf, so Klaus du Bosque, Achim Behrend, Uwe Schramm, Detlev Rost und Volker Krüger. Wie frühgeschichtlich die Zeiten waren, ermißt man, wenn ein Vorstandsschreiben von 1957 "Herrn Krüger" als (seglerischen) "Anfänger" tituliert.

Außer auf Regatten tat sich der Verein auch sonst hervor. Am 8. September 1958 kam er mit vollem Namen in die "Bild-Zeitung", ein damals vielgelesenes Blatt. Die "Rolling Home", wie "Bobby" ohne Motor, war abends (!) bei Windstille (!) und einsetzender Ebbe (!) von Neuwerk ausgelaufen. Naturgemäß trieb sie auf das Scharhörn-Riff. Dies war der Crew ungemütlich. Mit der Taschenlampe signalisierte sie SOS zum gegenüberliegenden Feuerschiff ELBE II, und wurde dann vom Seenotkreuzer "Ruhrstahl" nach Cuxhaven eingeschleppt. Schrieb BILD: "über die seglerischen Kenntnisse der Studenten ist nichts bekannt".

II. Das Mittelalter (1958 - 1965)

Die Freßwelle verebbte, der Nierenstil verschwand. In den Ausgrabungsgeschichten erscheinen Hula-Hopp-Reifen und TV-Empfänger als Beweise höherer Körper- und Geisteskultur. Auch der ASV tritt aus den Kinderschuhen. Die Gründerväter machten Examen, neue Kräfte rückten in den Vorstand. Am 24.2.1958 übergab Wilhelm Kopp das Amt des 1. Vorsitzenden an Uwe Schramm und begann, ehrenhalber zum "Kommodore" des ASV ernannt, in Briefen aus der Ferne den Verein zu mehr Aktivität anzuspornen, ein Ruf, der bis heute aktuell blieb.

Auch die anderen, noch heute geläufigen Probleme kündigten sich an. Durch die Examina wuchs ständig der Anteil der nichtstudentischen Mitglieder. Das gefährdete den innerUniversitären Status einer studentischen Vereinigung, der damals bei der engen Verbindung zur Universität (z.B. auch in Raumfragen) sehr wichtig war. Wieder anders als die Verbindungen trennte der ASV nicht zwischen studentischer "Aktivitas" und "Alten Herren". Man gründete stattdessen am 24.2.59 den SSV als Vereinigung der Studenten innerhalb des ASV. Damit bestand für die Verbindung zur Universität eine lupenreine studentische Vereinigung, während andererseits die Nichtstudenten durchaus aktiv blieben.

ählich ging man an das ständige Problem, die Verbindung zu den älteren Mitgliedern zu halten. Nach verschiedenen Vorformen, langen Diskussionen und satzungsmäßiger Verankerung im Rahmen einer größeren Satzungsreform (schon damals gab es Innovationsausschüsse) wurde am 24.9.64 die Skipperversammlung als Zusammenschluß der älteren Mitglieder gegründet, um deren Erfahrungen für den Verein zu erhalten. Wenn die Skipper 10 Jahre später drei Vorstandsmitglieder stellten, und noch immer 25 Mitglieder dem Verein angehören, die vor 1960 eingetreten sind, so kann man wohl auch diese Gründung im Rahmen des Möglichen für einen Erfolg halten.

Auch die Klagen über die steigende Mitgliederzahl finden sich schon. Am 1.7.59 beschloß der Vorstand, die Mitgliederzahl nicht über 100 ansteigen zu lassen. Am 8.11.61 stoppte man die Aufnahme von Mädchen, da deren Zahl überproportional gestiegen sei (Die Chronistin merkt an: "O, gott!"). Und unter dem Vorsitz von Dietrich Fedhusen hielt man von 1961-1965 die Mitgliederzahl bei etwa 130.

Ebenso klagte man schon über die fehlende Aktivität vieler Mitglieder, insbesondere bei der Bootsarbeit. Zwecks Abhilfe beantragte ein gewisser K. du Bosque auf der MV vom 8.11.61, eine Mindestzahl von Arbeitsstunden für alle Mitglieder festzusetzen, und bei Nichtableistung dafür einen Geldbetrag zu erheben (Den Chronisten kommt der Antrag sehr bekannt vor!). In diesen Jahren fand dennoch der Vorstand Muße, das Clubleben besser zu ordnen. So wurde das Tragen der seglerischen Farben Blau und Weiß und die Benutzung einer Takelbluse (die man bei den aktiven Mitgliedern aus jener Zeit heute noch sehen kann) beim Alstersegeln 1963 zwingend vorgeschrieben (bis heute nicht aufgehoben!). Man arbeitete auch heftig mit Segelverboten und Vereinsstrafen, und konnte z.B. 1963 die ganze Bootsarbeit am BOBBY mit "Strafarbeitern" erledigen. Doch manchmal scheint es im Vorstand auch ganz lustig hergegangen zu sein. Vorstandsprotokoll vom 23.4.95: "Ende der Sitzung um 055 Uhr. Leider war der gesamte Vorstand - wie üblich - schrecklich betrunken".

Aber auch das Vereinsleben wurde farbiger. Zwar traf man sich zum Clubabend immmer noch in wechselnden Gaststätten. Erst 1965 siedelte man sich in der RG-Hansa fester an. Ein eigenes Clubhaus wurde vielfach erwogen, aber es wogt heute noch in weiter Ferne. Als die Universität 1963 den Segelsteg von Daniel Reich sen. übernahm (was der ASV mangels Finanzmasse nicht konnte), wich der ASV im gleichen Jahr auf seine jetzigen Jahresliegeplätze bei Booby Reich aus.
Dafür erschienen seit 1960 die ASV-Nachrichten, zunächst dünn, aber mehrfach im Jahr, seit 1965 in der heutigen Form. Und 1959 hatte Achim Behrend Oberknurrhahn Walter Georgi angeheuert, mit dem man viele schöne Shanty-Abende verbrachte.

Daneben wurde auch gesegelt. 1960 und 61 war die "Rolling Home" auf der Elbe durch "Roter Sand" (genannt 'Jumbo') ersetzt, ein umgebautes Rettungsboot. Im Herbst 61 kaufte man dann für 8.200 DM unser langjähriges Flaggschiff, den "Bobby". Besonders eifrig waren unsere Altvorderen damals bei Geschwaderfahrten auf der Elbe, die mit den Piraten, dem BOBBY und mit Booten befreundeter Segelvereine (das gab es damals!, so den SC Rhe, den Baltischen Seglerverein und den SV Rot-Gelb) durchgeführt wurden. Mit BOBBY unternahm man 1963 sogar eine Langfahrt - zu den dänischen Inseln!

Seine akademischen Qualitäten bewies der Verein damals schon durch genaue Beachtung der Satzung. Dies bescherte uns im November 1960 den einzigen amtsgerichtlich eingesetzten Notvorstand der Vereinsgeschichte. Der neue Vorstand war auf einer MV ohne Wahl eines besonderen Wahlausschusses gewählt worden. Ein geschätztes, aber offenbar verärgertes Mitglied focht die Wahl erfolgreich an, und so brauchte der Verein einen Notvorstand. Die nächste MV wählte in turbulenter Sitzung, denselben Vorsitzenden, diesmal mit Wahlausschuß. Gleichzeitig wurde der Antrag, den ASV in "Akademischer Haarspalter-Verein" umzubenennen, knapp abgelehnt.

III. Die Neuzeit (1966 - 1974)

Wir befinden uns nun historisch in der späten Erhardzeit. Das quellenmäßig belegte Aufblühen des Beat- oder Beatles-Kultes geht einher mit einer deutlichen Zunahme der Glasscherbenfunde an den universitären Fundstellen dieser Epoche. Im ASV wird nach einer deutlichen Phase der Konsolidierung, auf Expansion geschaltet. 1966 steigt die Mitgliederzahl schlagartig von 125 auf 160 an. Nach kurzem Stopp 1968 unter dem Vorsitz von Peter Behrens ist die seither ständig weitergestiegen, 1973 auf 267.

Noch kräftiger ist die seither zu beobachtende Zunahme der Bootseigner, Ausdruck der sich wandelnden Mitgliederstruktur, in der Studenten immer mehr zur Ausnahme werden. 1965 gibt es 4 Privatboote im Verein, 1973 deren 42. Um das Vereinsangebot attraktiv zu erhalten, wird die Jollenflotte im Laufe der Zeit mit 4 Congerjollen neu ausgerüstet. Daß eins der Boote im Sommer auf einen holsteinischen See gelegt wird (seit1969), ist eine schöne Erweiterung des Reviers.

Zweifellos das wesentliche Ereignis dieser Zeit ist aber die Erschließung der Ostsee als Revier. Nachdem jahrelang von einem Ostseeschiff gesprochen wurde, kam es, nach Vorbereitungen 1969, unter Aufbietung aller finanziellen Möglichkeiten, zur Saison 1971 zum Kauf unserer Scampi "Röde Orm". Seither zeigt der ASV Flagge auf der Ostsee, und sie wurde in diesem Sommer bis Polen und Finnland getragen. Und die seither erfolgten Bootskäufe für Elbe und Alster zeigen, daß der Verein sich finanziell damit nicht übernommen hat, sondern den jetzigen Bootsbestand durchaus erhalten kann. Denn durch die erhöhten Beiträge bei erhöhter Mitgliederzahl hat der Verein jetzt ein Finanzvolumen von 40.000 DM im Jahr, während es z.B. 1958 ca. 3.700 DM betrug.

Um die Kontinuität im Mitgliederbestand zu erhöhen, entschloß man sich 1972 auch Kinder und Jugendliche unter bestimmten Bedingungen aufzunehmen, und kaufte für sie zwei Optimisten. Die Kontinuität der Vorstandsarbeit ist wesentlich verbessert worden, seit Anke Plate, während des 'Mittelalters' vielfach genannte Elbseglerin, 1971 die ASV Geschäftstelle übernahm. Der Kontinuität war es auch dienlich, daß sowohl Gode Sevecke als auch Klaus du Bosque sich für zwei Törns als 1. Vorsitzende bereitfanden. Doch damit sind wir schon bei der Zeitgeschichte des Vereins, die allen noch gegenwärtig ist.

Berichten wir doch lieber von der Geschichte des BOBBYS, der bisher nicht nur allen Stürmen und Stacks, sondern auch allen Vorständen getrotzt hat. 1939 für die Kriegsmarine gebaut, also Kriegsveteran, wurde er schon am 30.4.64 von einem Vorstand des "schlechten Erhaltungszustandes" bezichtigt und für Ostseetörns gesperrt. Seither gab es kaum einen Vorstand, der ihn nicht in schwungvollem Beginn auf die Abschußliste gesetzt und lang-, mittel- und kurzfristige Konzepte für seinen Ersatz entwickelt hätte. Diese scheiterten meist am Geld, da Bobby im Vergleich zu Neuanschaffungen genügsam ist wie ein Maulesel. Und als 1972 der Verkauf eine beschlossene Sache war, scheiterte er am Widerstand der "Bobby-Freunde". Selbst deren Anhänger kalkulierten damals Bobbys Lebensdauer in unverzeilichem Pessimismus nur bis 1974. Inzwischen zeigte es sich, daß er das ideale Schiff für ein neues ASV-Revier ist, nämlich für die Wattensegelei. So wird er sich noch manchen Vorstand überdauern, und wenn man ihn gelegentlich mit Kunststoff kalfatert, wagen die Chronisten die Parole: "Mit Bobby ins nächste Jahrtausend!"

IV. Fazit

Am Ende unseres Streifzuges durch die ASV-Historie sehen wir, daß in unserer Geschichte alles fehlt, was einen Segelverein eigentlich ausmacht, Feste und Fahrten, Sturmtörns, Geschwadersegeln, Regattasiege, Mondnächte auf der Elbe, Sommerabende auf See, Wattwanderungen, Hafentage, Streifzüge in skandinavischen Fischerhäfen, dampfender Grog in nächtlicher Bootskajüte, Gespräche, Seemannsgarn auf dem Clubabend, Bekanntschaften, Freundschaften, Namen und Erinnerungen. Dies alles zu einer Geschichte zu verweben, ist Sache des Romanciers. Die Chronisten haben nur das simple Handwerk des Historikers erlernt.

Was sich diesem beim Schreiben der ASV-Archivalien vor allem aufdrängt, ist die alte Weisheit Ibn Batutas: "Es ist alles schon mal dagewesen." Gewisse Probleme, die auch die Chronisten für neuzeitlich hielten, bestehen seit der Frühzeit des Vereins, so das Generationsproblem, die Aktivität nur einzelner Mitglieder, die nachlässige Behandlung von Vereinseigentum, die Gefahr, zur Bootsvermietung zu degenerieren. Vieles, was z.B. im Innovationsausschuß erörtert wurde, findet sich bis in die einzelnen Formulierungen in Protokollen und Artikeln von 1958, 1960 oder 1964 wieder. Allerdings scheint uns, daß der organisatorische Rahmen des ASV für die Bewältigung der ständigen Probleme stabiler und kontinuierlicher geworden ist. Wenn Bobby 1964 erst am 19. Juni zu Wasser kam, so dürfte ein solcher Termin z.B. heute auch in schlechten Jahren deutlich unterboten werden.

So können wir am 20. Stiftungsfest den Problemen, die sich auch in Zukunft immer wieder stellen werden, ruhig entgegensehen, und uns auf das freuen, was den Verein vor allem ausmacht, auf viele erlebnisreiche Segeltörns.